Blick auf den Kaßberg

In der aktuellen Ausgabe des Online-Aufarbeitungsforums „H-und-G.info“ geht es um „Gedenken am authentischen Ort“. Wir stellen den künftigen Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis vor.

Was hat uns der Kaßberg noch zu sagen? Das Online-Aufarbeitungsforum „H-und-G.info“ des Bürgerkomitees 15. Januar e.V. in Berlin beschäftigt sich in seiner aktuellen Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Gedenken am authentischen Ort“. Die wissenschaftliche Leiterin unseres entstehenden Lern- und Gedenkorts Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz, Dr. Steffi Lehmann, und ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter stellen das Gedenkstättenprojekt unseres Vereins mit Stimmen von Zeitzeugen, Vorstandsmitgliedern und Projektleitung vor und versuchen eine Positionsbestimmung. Wie umgehen mit dem Alleinstellungsmerkmal Freikaufhaft und doppelter Diktaturgeschichte? Wo steht der Kaßberg im Spannungsfeld zwischen Bewahren und Verlust?

Den Beitrag auf H-und-G.info lesen Sie, wenn Sie hier klicken.

Die Website des Lern- und Gedenkorts Kaßberg-Gefängnis e.V. in Chemnitz finden Sie hier. Und zur Facebook-Seite geht es hier entlang.

Das Foto oben zeigt einen Blick in den ehemaligen Hafttrakt B mit Wandbild, entstanden in der Zeit ab 1990.

Im Krähwinkel der Landeshistorie

Der Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll legt eine „Geschichte Sachsens“ vor. Dabei spart er nicht mit Seitenhieben auf Karlheinz Blaschke, den Übervater des Fachs.

August der Starke – ein unumschränkter absolutistischer Herrscher? Das werde gelegentlich vorschnell behauptet, etwa von Blaschke. Seine Ambitionen auf Polens Thron? „Es war keineswegs nur dekorativ ummantelte ,Ehr- und Ruhmsucht‘ (Blaschke), die den sächsischen Kurfürsten damals nach der polnischen Krone greifen ließ.“ Und der Prunk an Augusts Hof? Wer darin nur das ziellose Irrlichtern einer „unwirklichen Scheinwelt“ (so Blaschke) zu erkennen vermöge, der messe an den falschen Kategorien.

„Geschichte Sachsens“ lautet schlicht der Titel von Frank-Lothar Krolls Überblicksdarstellung, der die Zitate entnommen sind. Sie ist bei C. H. Beck Wissen als letzter von 16 Bänden zur Geschichte der einzelnen Bundesländer erschienen. Und ob bei Augusts Repräsentationswesen oder der Frage nach der Sinnhaftigkeit der sächsisch-polnischen Union, ob zuvor bei der Charakterisierung Moritz’ von Sachsen oder später bei der sogenannten Bodenreform: Der Verfasser, Historiker für europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der TU Chemnitz, Vorsitzender der Preußischen Historischen Kommission und Autor wie Herausgeber einer Landesgeschichte Hessens wie eines Bandes über „Die Herrscher Sachsens“, legt keineswegs nur einen an Fakten orientierten Abriss vor. Kroll nutzt die Gelegenheit auch, um angebliche Fehlurteile anderer Autoren anzugreifen – vor allem Karlheinz Blaschkes, des Nestors der sächsischen Landesgeschichte, der in der DDR als nichtmarxistischer Historiker und Landeskundler ein Außenseiter war und nach dem Mauerfall zur Zentralgestalt eines wiederbelebten Faches avancierte.

Weiterlesen

„Leipzig verschwindet im Vergessen“

Die Stadt begeht den 200. Jahrestag der Völkerschlacht. Dass sich das Datum auch als Termin deutsch-französischer Aussöhnung eignet, daran hat die Historikerin Hélène Miard-Delacroix, Professorin an der Universität Paris-Sorbonne, allerdings ihre Zweifel.

Aus deutscher Sicht spielt die Völkerschlacht als Ereignis und als Geschichtssymbol eine Rolle. Hat sie für Frankreich eine ähnliche Bedeutung?

Hélène Miard-Delacroix: Für das heutige Frankreich spielt sie keine Rolle. Sie ist sogar völlig unbekannt. Nur die Historiker und unter ihnen nur die, die sich mit Deutschland befassen oder die ihren Schwerpunkt auf die Geschichte Napoleons gelegt haben, wissen, was die Völkerschlacht war.

Woran liegt das?

Weiterlesen

Ein Fluss, der verbindet

Die Flut hat sie wieder einmal in die Schlagzeilen gebracht. Doch auch ohne Hochwasser ist sie ein bemerkenswerter Fluss. Der Berliner Journalist Uwe Rada erzählt in seinem Buch „Die Elbe“ europäische Geschichte und Geschichten.

Was für ein Bild man sich von der Elbe macht, ist vor allem eine Frage von Standort und Perspektive. Im Bewusstsein der Hamburger ist der Fluss die Verbindung zur Nordsee. Von Westdeutschland aus mag die Elbe zuweilen als Grenzfluss zu Ostelbien oder – wie dem Rheinländer und Bundeskanzler Konrad Adenauer – als Vorposten Asiens erscheinen. In Sachsen hingegen gilt sie als ein genuin eigenes, mithin nicht preußisches Kulturgut.

Allenfalls durch die Hochwasserbilder, die den eigenen gleichen, wird man daran erinnert, dass sich nicht nur die Sächsische Schweiz und Schloss Pillnitz, Dresden und Meißen und vielleicht noch das Riesengebirge an der Elbe befinden, sondern auch Städte wie Wittenberge, Hitzacker und sogar Lauenburg in Schleswig-Holstein.

Weiterlesen

Sein ärgster Feind

Propaganda und Kanonen: Mitten im brandenburgischen „Friedrichjahr“ wirft eine Ausstellung in Branitz ein neues Licht auf einen sächsischen Kontrahenten des Preußenkönigs – den Minister Brühl.

Der eine ein asketischer Philosoph auf dem Thron – hart gegen andere, aber auch gegen sich selbst. Der andere ein gewissenloser Emporkömmling – prunksüchtig, eigennützig, eitel und intrigant. Die Bilder, die sich von Preußenkönig Friedrich II. (1712 bis 1786) und seinem sächsischen Widersacher Heinrich Graf von Brühl (1700 bis 1763) bis heute halten, könnten gegensätzlicher kaum sein.

„1.500 Perücken und keinen Kopf“, so sprach Friedrich über seinen Kontrahenten. „Ohne besondere Fähigkeiten und ohne staatsmännische Einsicht verstand er doch seinen Herrn völlig zu leiten“, hielt Meyers Konversationslexikon anderthalb Jahrhunderte später über den Grafen fest. Und der polnische Schriftsteller Józef Ignacy Kraszewski, der die Sachsen, verglichen mit den Preußen, noch als das kleinere Übel empfinden musste, fällte das kaum mildere Urteil, beide – Friedrich wie Brühl – hätten „Formen des Bösen“ verkörpert. „Brühl“, schrieb er, „war der glänzende Vertreter der Lüge, Friedrich der des Zynismus.“

Ausgerechnet in Brandenburg, wo man in diesem Jahr mit Ausstellungen und Buchveröffentlichungen den 300. Geburtstag Friedrichs begeht, und im nahen Polen wird nun in diesem Sommer in einem dreiteiligen Ausstellungsprojekt des sogenannten europäischen Parkverbunds Lausitz ein Versuch unternommen, an dem sich zuletzt auch einige Brühl-Biografen abgearbeitet haben: dem sächsischen Minister Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – und auf Facetten im Verhalten Friedrichs hinzuweisen, die alles andere als aufgeklärt erscheinen.

Weiterlesen

Noch e Grönsche könndste griechn

Die Hellenen sind den Sachsen näher, als mancher glaubt.

Ob Steuerhinterziehung, gefälschte Wirtschaftsdaten oder die immer neuen Milliarden für immer neue Rettungsschirme: Wann immer Griechenland derzeit zum Thema wird, ist der Ärger auch in Sachsen groß. Dabei sind die Hellenen dem Freistaat näher, als mancher glaubt. Und das nicht nur, weil es die Sachsen waren, die im Jahr 2007 noch vor Beginn der großen Krisen eine formidable Fast-Pleite hinlegten. Bekanntlich mussten damals die Baden-Württemberger die Sachsen LB retten – so wie heute EU, EZB und IWF die Griechen.

Nein, gemeint ist ein weiterer, fast vergessener Berührungspunkt in der Geschichte beider Länder, an den man sich heute allenfalls noch auf Schloss Weesenstein erinnert. Die Anlage im malerischen Müglitztal bei Pirna verfügt nicht nur über Kuriosa wie Pferdeställe im fünften Stockwerk und mit ihrem Stilmix vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert über zahlreiche Zeugnisse der Regionalgeschichte. Als Lieblingsschloss Johanns von Sachsen (dessen Reiterstandbild heute vor der Dresdner Semperoper steht) weist es auch zahlreiche europäische Bezüge auf. Der Wettiner-Prinz fertigte hier große Teile seiner bis heute gültigen Übersetzung von Dantes „Göttlicher Komödie“ an. Und im Wohntrakt hat sich zum Beispiel eine Panoramatapete mit dem Titel „Die Kämpfe der Griechen“, Zeugnis des im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Philhellenismus, erhalten.

Weiterlesen

Von der Varusschlacht bis Günter Grass

Zwei Sprachen, fünf Bände, 130 Autoren: Die „Deutsch-Polnischen Erinnerungsorte“ sind ein Mammutprojekt. Sie nehmen Geschichte aus einer doppelten Perspektive in den Blick.

Was man von der Geschichte zu halten hatte, war in Europa lange Zeit vor allem eine Frage der Perspektive. Bot die Trafalgar-Schlacht in England Anlass zu Jubiläumsfeiern und Flottenparaden, bedeutete sie für Frankreich und Spanien eine Niederlage. „Rom“ löste im protestantischen Norden andere Assoziationen als im katholischen Süden aus. Und selbst wenn man sich über die Bewertung von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg mittlerweile ziemlich einig ist, erzeugt der Name „Stalingrad“ in Deutschland noch immer einen Schrecken, während sich aus russischer Sicht der Sieg mit der Kriegswende verbindet. Das Leid russischer Soldaten und vor allem der Zivilbevölkerung rückte freilich in beiden Lesarten in den Hintergrund.

Umso wichtiger scheinen Forschungs- und Veröffentlichungsprojekte wie die von den Historikern Hans Henning Hahn und Robert Traba herausgegebenen „Deutsch-Polnischen Erinnerungsorte“. 130 Autoren aus beiden Ländern und verschiedenen Fachrichtungen versuchen in den insgesamt fünf geplanten Bänden, die zum Teil zeitgleich auf Polnisch und Deutsch erscheinen, eindimensionale Sichtweisen – hier in Bezug auf Polen und Deutschland – aufzubrechen und verschiedene Perspektiven zusammenzuführen. Dabei geht es nicht um eine Ereignisgeschichte. Im Vordergrund stehen vielmehr Geschichtssymbole und ihre sich verändernden Bedeutungen, die im sogenannten kollektiven Gedächtnis beider Länder eine wichtige, oft auch entgegengesetzte Rolle spielen und zum Teil verheerend auf die Realgeschichte zurückgewirkt haben.

Weiterlesen

Unerwünschte Rekordjäger

Sie vollbrachten Höchstleistungen und straften die NS-Propaganda von einer angeblichen Überlegenheit der „arischen Rasse“ Lügen: Die Ausstellung „Vergessene Rekorde“ erinnert in Dresden an das Schicksal jüdischer Sportlerinnen und Sportler vor und nach 1933. 

Gretel Bergmann

Wie sehr auch der Sport im Deutschland der 30er-Jahre von der nationalsozialistischen Rassenideologie durchdrungen war, führte vor wenigen Jahren der Spielfilm „Berlin ’36“ vor Augen. Erzählt wird die Geschichte der jungen jüdischstämmigen Hochspringerin Gretel Bergmann, gespielt von Karoline Herfurth, die sich längst im englischen Exil befindet, von den Nazis aber vor den Olympischen Spielen 1936 zur Rückkehr nach Deutschland gezwungen wird.

Nach außen, so das Kalkül der Nazis, sollen auf diese Weise faire Chancen für jüdische Athleten vorgespiegelt und Boykottdrohungen abgewendet werden. In Wirklichkeit aber ist die Sportlerin nur neuen Schikanen und Drohungen ausgesetzt. Vierzehn Tage vor Beginn der Spiele wird der Favoritin schließlich die Teilnahme verweigert. Ihr Sieg, das weiß sie genauso wie die NS-Funktionäre, würde die behauptete Überlegenheit der angeblichen „arischen Rasse“ konterkarieren.

Weiterlesen

„Legenden von der unschuldigen Stadt“

Der Historiker Roman Töppel über den 13. Februar 1945, rechte Aufmärsche und das schwierige Gedenken an die Zerstörung Dresdens

Jahrestage von Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg sind in vielen Städten ein Datum des Erinnerns, aber ebenso ein Aufmarschtermin der Rechten. Vor allem am 13. Februar in Dresden entzünden sich regelmäßig heftige Debatten. Der Münchner Historiker Roman Töppel hat an der TU Dresden promoviert und ist Verfasser des Dresden-Beitrags in dem Band „Sächsische Mythen“ (Edition Leipzig 2011).

In den vergangenen Jahren hat es immer wieder rechte Aufmärsche im Umfeld des 13. Februar gegeben. Was macht solche Gedenktage, was macht Dresden für Neonazis so attraktiv?

Weiterlesen

Wenn Politik die Medien lenkt

Die Münchner Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen und Anke Fiedler versammeln in ihrer Studie „Die Grenze im Kopf“ Interviews mit DDR-Journalisten und zeichnen ein vielstimmiges, differenziertes Bild der damaligen Medien. Zur Gegenwart der Vergangenheit aber fragen sie nicht.

Lesen Sie hier meine Rezension für die Freie Presse Chemnitz.