Mitarbeit im Verein

Elternzeitvertretung beim Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz

Ich habe eine Elternzeitvertretung beim Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V. in Chemnitz übernommen. Das Kaßberg-Gefängnis ist als einstiger Abwicklungsort des Häftlingsfreikaufs ein wichtiger Erinnerungsort der DDR-Geschichte und der deutschen Teilung. Für die meisten der mehr als 33.000 politischen Häftlinge, die von der Bundesrepublik zwischen 1962/1963 und 1989 freigekauft wurden, gingen von hier aus die Busse in die Freiheit. Außerdem diente der Gebäudekomplex als Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit und zuvor des NKWD. In der Zeit des Nationalsozialismus waren im Kaßberg-Gefängnis Angehörige unterschiedlicher Opfergruppen eingesperrt.

Der Verein setzt sich seit seiner Gründung 2011 für den Erhalt des früheren Gefängnisses und die Errichtung eines Lern- und Gedenkorts ein, der an die verschiedenen Zeitabschnitte erinnert. Gegenwärtig wird im ehemaligen Hafttrakt B mit Fördermitteln von Bund, Freistaat Sachsen und Stadt Chemnitz gebaut. Eine Dauerausstellung soll entstehen, deren Mittelpunkt die Lebensgeschichten früherer politischer Gefangener darstellen. Auch Bildungsangebote in Form von Workshops, Zeitzeugengesprächen und Führungen spielen eine wichtige Rolle.

Ich finde, das ist ein tolles und unterstützenswertes Projekt, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den Mitgliedern und Vorständen, Kolleginnen und Kollegen, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie allen Partnerinnen und Partnern des Vereins.

Das Foto oben zeigt den bereits 2017 eröffneten Gedenkort an der Außenmauer in der Kaßbergstraße, das Bild unten Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung an dessen Innenseite. Und zur Website des Vereins geht es hier entlang.

UPDATE: Eine Presseschau zum Ersten Spatenstich für den Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis im November 2021 finden Sie hier und Beiträge über die Geschichten der Zeitzeugen André Fischer und Dr. Ulrich Müller, von mir protokolliert für den Tätigskeitsbericht der Stiftung Sächsische Gedenkstätten beziehungsweise die Website des Vereins, wenn Sie hier (PDF, Seite 112/113) beziehungsweise hier klicken.

„Das Wunderbare ist die Vielfalt“

Museumsleiterin Andrea Weigel über die neue Ausstellung der Historischen Schauweberei Braunsdorf und die Blumenmuster aus dem hauseigenen Archiv

Passend zur sächsischen Landesgartenschau 2019 im nahen Frankenberg wendet sich auch die Historische Schauweberei Braunsdorf ab dem heutigen Samstag der Pflanzenwelt zu – zumindest als Motiv. Unter dem Titel „Im Garten der Fäden“ lädt eine Ausstellung in dem früheren Industriebau zum Ausflug in die Welt floraler Muster ein, die für Stoffe der Möbelstoffweberei Tannenhauer entworfen wurden. Andrea Weigel leitet das Team des Hauses.

Frau Weigel, in Ihrer Ankündigung wird ein „Wunderkammer-ähnlicher Erfahrungsraum“ versprochen. Was erwartet die Besucher?

Andrea Weigel: Wunderkammer – das liegt sicherlich immer auch im Auge des Betrachters. Aber zum einen geht es um die Vielzahl der Objekte. Wir verfügen mit dem Musterarchiv über 3.000 Dessins und annähernd 20.000 Einzelobjekte, die den komplizierten Herstellungsprozess von der Musterzeichnung bis zum Gewebe nachvollziehbar machen. Das kann man natürlich nicht alles auf einmal zeigen. Aber wir wollen einen Eindruck davon vermitteln.

Und zum anderen?

… können wir auf eine große Viefalt floraler Muster zurückgreifen. Blumen – das ist ja ein großes Thema in der Mode und eben auch bei Stilstoffen im Biedermeier-Dessin, wie sie hier ab Mitte der 1920er-Jahre hergestellt wurden. Da können sich die Besucher auch ein wenig verzaubern lassen.

Weiterlesen

Fragen über Fragen

Wie ich einmal versuchte, bei der MDR-Fernsehsendung „Quickie“ 50 Euro zu gewinnen

Als ich eines Samstagabends in die MDR-Fernsehsendung „Quickie“ zappte, war ich enthusiasmiert. Zugegeben, der Titel klingt anzüglich. Doch dahinter steckt eine Quizshow, deren Teilnehmer wie bei „Wer wird Millionär“ Fragen nach dem Multiple-Choise-Prinzip gestellt bekommen, nur dass Günther Jauch hier eine Frau ist, statt einer Million lediglich ein Auto gewonnen werden kann und sich alle Fragen auf das Sendegebiet der ostdeutschen Dreiländeranstalt beziehen. Vor allem aber war Zuschauerbeteiligung gefragt: Das Publikum wurde aufgefordert, nicht nur selbst eine Preisfrage zu beantworten, sondern auch eigene Fragen einzusenden, für die es im Falle der Verwendung – ich weiß nicht mehr genau – 50 Euro geben sollte.

Also legte ich los. „Wie heißt eine bekannte Backspezialität aus dem sächsischen Freiberg?“, tippte ich in die Eingabemaske auf der „Quickie“-Website ein. „a) Backhase, b) Bauerhase, c) Osterhase oder d) Schweinebraten?“ Das dürfte Kandidaten aus Thüringen oder Sachsen-Anhalt einige Schwierigkeiten bereiten. Dann glänzte ich mit Literatur: „Auf welchem thüringischen Berg verfasste Johann Wolfgang von Goethe 1780 sein berühmtes Gedicht ,Wandrers Nachtlied‘ (,Über allen Gipfeln / Ist Ruh’ …‘)? a) Pickelhaube, b) Kickelhahn, c) Haubentaucher oder d) Auerhahn?“ Und um meine Chancen weiter zu erhöhen, legte ich gleich noch einmal nach, diesmal mit falschen Fährten Richtung Leipzig und ins Erzgebirge: „Wie heißt der Heimatdichter, der mit ,Bildern und Klängen aus Rudolstadt‘ bekannt wurde? a) Anton Günther, b) Anton Winter, c) Anton Sommer oder d) Lene Voigt?“

Weiterlesen

Bibliothek eines Traumas

Am 13. Februar jährt sich die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg zum 70. Mal. Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr geht aus diesem Anlass Spuren der Zerstörung der Stadt in Erinnerungsbüchern, Romanen und Gedichten nach. 

Wie kann man komplexe literarische Texte in einen Ausstellungsraum übersetzen, noch dazu wenn es um ein geschichtspolitisch aufgeladenes Ereignis wie die Zerstörung Dresdens geht? Wie umgeht man es, der Legendenbildung nur ein weiteres Kapitel hinzuzufügen, wenn viele der Autoren aus dem Kenntnisstand ihrer Zeit heraus mit überhöhten Opferzahlen arbeiten und zum Teil historisch falsche Einordnungen vornehmen? Und auf welche Weise kann man angesichts deutscher Verbrechen von deutschem Leid erzählen? Fragen wie diese stellen sich, schon bevor man die Ausstellung „Schlachthof 5 – Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen“ im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden betritt, die das Haus aus Anlass des 70. Jahrestags der Bombardierung der Stadt durch britische und amerikanische Fliegerverbände am 13. und 14. Februar 1945 zusammengestellt hat.

Erinnerungsberichte und Romane, die zum Teil eigenes Erleben spiegeln, ein Libretto, ein Drehbuch und Gedichte sollen, so die Ausstellungsmacher, eine andere Annäherung ermöglichen, als sie die Geschichtswissenschaft bietet. Und sieht man all die zusammengetragenen Handschriften, Typoskriptseiten und Bücher, bei denen es sich nur um eine Auswahl der prominentesten handelt, dann fällt als erstes auf, dass von einem „Überlieferungsdefizit“, wie es der Schriftsteller W. G. Sebald Ende der 90er-Jahre für den Luftkrieg in der deutschen Literatur behauptete, in Bezug auf Dresden kaum die Rede sein kann, auch wenn der berühmteste Titel zum Thema, der Antikriegsroman „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ aus dem Jahr 1969, der der Ausstellung den Titel gibt, nicht in Deutschland verfasst wurde, sondern von dem amerikanischen Schriftsteller Kurt Vonnegut stammt.

Weiterlesen

Ab in die Tonne

Mein Beitrag zu einer Liste von Vorschlägen für das „Unwort des Jahres“ 2014

Asylkritisch. – Ob „asylkritisch“, „euroskeptisch“, „demokratieverdrossen“ oder „Ukraine-Krise“: Im Zusammenhang mit den neu-alten rechten Bürgerbewegungen von Pegida über AfD bis hin zu den Putinfreunden hat die Nachrichtensprache in den vergangenen Monaten eine Reihe von Beschönigungen erfunden, die mit Fremdenfeindlichkeit, Hass auf die Institutionen, Eurogegnerschaft und Krieg Russlands gegen sein Nachbarland viel richtiger zu übersetzen wären. In dem falschen Bestreben, niemandem wehzutun, sprechen Teile von Politik und Medien so über jene, von denen sie selbst mittlerweile jeden Montag als – zwei weitere Unwörter, wenn auch ganz anderen Kalibers – „Volksverräter“ und „Lügenpresse“ verunglimpft werden. Man zeigt Verständnis für – noch so eine Redewendung – „Sorgen und Nöte“ derer, die in Wahrheit selber Angst, nämlich unter Flüchtlingen und Einwanderern in diesem Land verbreiten.

Gedruckt erschienen in der Freien Presse Chemnitz am 31. Dezember 2014. Die Beiträge der Kolleginnen und Kollegen finden Sie hier.

Im Krähwinkel der Landeshistorie

Der Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll legt eine „Geschichte Sachsens“ vor. Dabei spart er nicht mit Seitenhieben auf Karlheinz Blaschke, den Übervater des Fachs.

August der Starke – ein unumschränkter absolutistischer Herrscher? Das werde gelegentlich vorschnell behauptet, etwa von Blaschke. Seine Ambitionen auf Polens Thron? „Es war keineswegs nur dekorativ ummantelte ,Ehr- und Ruhmsucht‘ (Blaschke), die den sächsischen Kurfürsten damals nach der polnischen Krone greifen ließ.“ Und der Prunk an Augusts Hof? Wer darin nur das ziellose Irrlichtern einer „unwirklichen Scheinwelt“ (so Blaschke) zu erkennen vermöge, der messe an den falschen Kategorien.

„Geschichte Sachsens“ lautet schlicht der Titel von Frank-Lothar Krolls Überblicksdarstellung, der die Zitate entnommen sind. Sie ist bei C. H. Beck Wissen als letzter von 16 Bänden zur Geschichte der einzelnen Bundesländer erschienen. Und ob bei Augusts Repräsentationswesen oder der Frage nach der Sinnhaftigkeit der sächsisch-polnischen Union, ob zuvor bei der Charakterisierung Moritz’ von Sachsen oder später bei der sogenannten Bodenreform: Der Verfasser, Historiker für europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der TU Chemnitz, Vorsitzender der Preußischen Historischen Kommission und Autor wie Herausgeber einer Landesgeschichte Hessens wie eines Bandes über „Die Herrscher Sachsens“, legt keineswegs nur einen an Fakten orientierten Abriss vor. Kroll nutzt die Gelegenheit auch, um angebliche Fehlurteile anderer Autoren anzugreifen – vor allem Karlheinz Blaschkes, des Nestors der sächsischen Landesgeschichte, der in der DDR als nichtmarxistischer Historiker und Landeskundler ein Außenseiter war und nach dem Mauerfall zur Zentralgestalt eines wiederbelebten Faches avancierte.

Weiterlesen

Wer wohnte direkt an der Mauer?

Im Asisi-Panorama zur Berliner Mauer sind auf Ost-Berliner Seite Wohnhäuser abgebildet, die unmittelbar am Todesstreifen liegen. Wer wohnte in solchen Häusern?

Trotz Zwangsumsiedlungen und Hausabrissen in Mauernähe befand sich hinter dem Todesstreifen auf Ost-Berliner Seite ein Sperrgebiet, das weiterhin bewohnt war und in dem sich auch Büros und Gewerbe befanden. Die Annahme, dass dort besonders linientreue Bewohner lebten, ist aber falsch, sagt der Historiker Ronny Kern, Autor des Buches „Siebzehn Kilometer Grenze – Die Berliner Mauer in Treptow 1961–1989“, einer der wenigen Studien, die sich mit diesem Thema befassen. Das Buch beleuchtet die Materie für den Stadtbezirk Treptow.

Weiterlesen

Eine Affäre mit Mutti

Mein Beitrag zu einer Liste von Vorschlägen für das „Unwort des Jahres“ 2013

„Mutti“. – Was hat sich Angela Merkel in diesem Wahljahr nicht alles anhören müssen? Mal ist sie die männermordende Machtpolitikerin, die über Leichen (Stoiber, Öttinger, Guttenberg, Koch, Wulff, Röttgen) geht, mal wird sie als fürsorgliche Glucke apostrophiert. Mal soll sie eine prinzipienlose „Patin“ sein, mal (aus Sicht halb Südeuropas) eine preußische Prinzipienreiterin. Und vielleicht ist das alles auch gar kein Widerspruch. In Wahrheit aber tut Merkel mit ihrer pragmatischen, am Konsens orientierten Politik nur das, was Gerhard Schröder zuvor schon für die SPD geleistet hatte: ihre Partei und mit ihr das Land entideologisieren. Wer hätte vor Merkel von einer CDU-geführten Bundesregierung den Atomausstieg, eine (geplante) Finanztransaktionssteuer und – ein Beispiel aus dem aktuellen Koalitionsvertrag – Verbesserungen für Asylbewerber erwartet?

Erschienen in der Freien Presse Chemnitz am 30. Dezember 2013. Die Beiträge der Kolleginnen und Kollegen finden Sie hier.

„Leipzig verschwindet im Vergessen“

Die Stadt begeht den 200. Jahrestag der Völkerschlacht. Dass sich das Datum auch als Termin deutsch-französischer Aussöhnung eignet, daran hat die Historikerin Hélène Miard-Delacroix, Professorin an der Universität Paris-Sorbonne, allerdings ihre Zweifel.

Aus deutscher Sicht spielt die Völkerschlacht als Ereignis und als Geschichtssymbol eine Rolle. Hat sie für Frankreich eine ähnliche Bedeutung?

Hélène Miard-Delacroix: Für das heutige Frankreich spielt sie keine Rolle. Sie ist sogar völlig unbekannt. Nur die Historiker und unter ihnen nur die, die sich mit Deutschland befassen oder die ihren Schwerpunkt auf die Geschichte Napoleons gelegt haben, wissen, was die Völkerschlacht war.

Woran liegt das?

Weiterlesen

Ein Fluss, der verbindet

Die Flut hat sie wieder einmal in die Schlagzeilen gebracht. Doch auch ohne Hochwasser ist sie ein bemerkenswerter Fluss. Der Berliner Journalist Uwe Rada erzählt in seinem Buch „Die Elbe“ europäische Geschichte und Geschichten.

Was für ein Bild man sich von der Elbe macht, ist vor allem eine Frage von Standort und Perspektive. Im Bewusstsein der Hamburger ist der Fluss die Verbindung zur Nordsee. Von Westdeutschland aus mag die Elbe zuweilen als Grenzfluss zu Ostelbien oder – wie dem Rheinländer und Bundeskanzler Konrad Adenauer – als Vorposten Asiens erscheinen. In Sachsen hingegen gilt sie als ein genuin eigenes, mithin nicht preußisches Kulturgut.

Allenfalls durch die Hochwasserbilder, die den eigenen gleichen, wird man daran erinnert, dass sich nicht nur die Sächsische Schweiz und Schloss Pillnitz, Dresden und Meißen und vielleicht noch das Riesengebirge an der Elbe befinden, sondern auch Städte wie Wittenberge, Hitzacker und sogar Lauenburg in Schleswig-Holstein.

Weiterlesen