Museumsleiterin Andrea Weigel über die neue Ausstellung der Historischen Schauweberei Braunsdorf und die Blumenmuster aus dem hauseigenen Archiv

Passend zur sächsischen Landesgartenschau 2019 im nahen Frankenberg wendet sich auch die Historische Schauweberei Braunsdorf ab dem heutigen Samstag der Pflanzenwelt zu – zumindest als Motiv. Unter dem Titel „Im Garten der Fäden“ lädt eine Ausstellung in dem früheren Industriebau zum Ausflug in die Welt floraler Muster ein, die für Stoffe der Möbelstoffweberei Tannenhauer entworfen wurden. Andrea Weigel leitet das Team des Hauses.
Frau Weigel, in Ihrer Ankündigung wird ein „Wunderkammer-ähnlicher Erfahrungsraum“ versprochen. Was erwartet die Besucher?
Andrea Weigel: Wunderkammer – das liegt sicherlich immer auch im Auge des Betrachters. Aber zum einen geht es um die Vielzahl der Objekte. Wir verfügen mit dem Musterarchiv über 3.000 Dessins und annähernd 20.000 Einzelobjekte, die den komplizierten Herstellungsprozess von der Musterzeichnung bis zum Gewebe nachvollziehbar machen. Das kann man natürlich nicht alles auf einmal zeigen. Aber wir wollen einen Eindruck davon vermitteln.
Und zum anderen?
… können wir auf eine große Viefalt floraler Muster zurückgreifen. Blumen – das ist ja ein großes Thema in der Mode und eben auch bei Stilstoffen im Biedermeier-Dessin, wie sie hier ab Mitte der 1920er-Jahre hergestellt wurden. Da können sich die Besucher auch ein wenig verzaubern lassen.
Können Sie etwas zur Geschichte des Musterarchivs sagen?
Das Gebäude hat eine 200-jährige Geschichte als Textilstandort. Die Weberei Tannenhauer wurde 1883 in Chemnitz gegründet und zog 1910 hierher. 1990 wurde der Betrieb eingestellt, und es war schon mit der Verschrottung der Maschinen begonnen worden. Aber einige konnten gerettet werden, und das Archiv blieb unberührt. Die Familien Tannenhauer und Humburg bekamen die Sammlung zurück und gaben sie als Schenkung an die Gemeinde. Wir konnten also aus dem Vollem schöpfen.
Sachsen war eine Textilregion. Als Laie würde man Hersteller edler Stoffe trotzdem eher etwa in Oberitalien vermuten.
Na ja. Das gab es eben auch hier. Und wenn Sie sich die Cammann-Manufaktur anschauen, dann werden hier heute noch hochwertige Stoffe hergestellt. Tannenhauer war ein herausragender Produzent von Stilstoffen im Biedermeier-Dessin, auch noch zu DDR-Zeiten.
Wo saßen die Designer, und für welche Kundschaft wurde hier produziert?
Die Muster wurden in Braunsdorf entworfen, jedenfalls bis Anfang der 80er-Jahre, als die Musterabteilung geschlossen wurde und Biedermeier-Muster nur noch aus dem Bestand an Dessins gewebt wurden. Geliefert wurde in alle Welt. Japan, der ganze asiatische Raum, Süd- und Nordeuropa, Amerika – es gibt kaum einen Flecken, wohin die Stoffe nicht gingen. Für die DDR war das lukrativ. Damit wurden Devisen erwirtschaftet. Und auch für die Ausstattung von Schlössern und Hotels wurde hier produziert.
Haben Sie in Lieblingsmuster?
Schwer zu sagen. Es gibt kleine Rosen, die ich sehr mag, Blumenkörbchen, manchmal kann man die Motive auch gar nicht so genau bestimmen. Die sind alle schön. Charakteristisch für Biedermeiermuster sind die verspielten Blümchen und farbigen Längsstreifen. Das gab es dann in – was weiß ich – zehn Farbstellungen. Das ist eben das Wunderbare, diese ungeheure Vielfalt. Nicht nur bei den Biedermeiermustern, sondern auch bei den Dekostoffen.
Das Musterarchiv ist noch nicht erschlossen. Was ist geplant?
Wir haben eine zuätzliche Mitarbeiterin dafür. Es liegt viel Arbeit vor uns. Die Objekte müssen inventarisiert werden. Wir wollen sie digitalisieren und schließlich auch in die Dauerausstellung integrieren, damit sie für Besucher und Fachwelt zugänglich sind. Ich sage immer: Unsere Attraktion sind unsere vielen verschiedenen vorführbaren Maschinen, auch aus dem früheren Betrieb. Deshalb kommen die Leute her. Die zweite könnte einmal das Musterarchiv werden.
Die Sonderausstellung wird am heutigen Samstag, 17 Uhr mit einer Performance von Marthe Howitz (Berlin) eröffnet und läuft bis zum 5. Januar 2020. Zur Website der Historischen Schauweberei Braunsdorf geht es hier.
Gedruckt erschienen in der Freien Presse Flöha am 20. April 2019.