Idyll und Verbrechen

In Sachsen gab es einst ziemlich viele und vor allem viel zu berüchtigte Gefängnisse für so ein kleines Land. 

Frankreich gilt als Land der Revolution, Preußen als das des Militärs. Und wenn man Polen wegen seiner vielen Aufstände oft ein Land der Freiheitsliebe nennt, dann muss Sachsen, das sich selbst gerne als friedliebend und kunstbeflissen darstellt, wohl umgekehrt viel eher als eines der Unfreiheit gelten, verfügte es einst doch vom Plauener Hradschin im Vogtland bis zum alten Dresdner Landgericht, von Hoheneck in Stollberg/Erzgebirge bis zum früheren Torgauer Reichskriegsgericht für ein so kleines Land über ziemlich viele und vor allem viel zu berüchtigte Gefängnisse.

Ob die Gräfin Cosel auf Burg Stolpen, August Bebel auf Schloss Osterstein oder Karl May im Zuchthaus Waldheim: Fragt sich, welcher Prominente nicht in einem Sachsen-Knast gesessen hätte. Und die wenigen, die es nicht taten, scheinen wie Gottfried Semper oder Richard Wagner nach dem Dresdner Mai-Aufstand von 1849 nur gerade so entronnen. Ganz zu schweigen von der Zeit des Nationalsozialismus, vom „Gelben Elend“ in Bautzen, von der Mordfabrik in Pirna auf dem Sonnenstein oder den vielen Außenlagern des Konzentrationslagers Flossenbürg, die sich überall in Sachsen befanden, später von sowjetischen Speziallagern und Bautzen II, dem Stasi-Gefängnis.

Das jedenfalls kann man denken, wenn man mit Besuch aus Frankreich auf die Festung Königstein geht. So wie man in Großbritannien Colditz im Muldental wegen des dortigen Kriegsgefangenenlagers kennt, ist diese Anlage in Frankreich zuweilen noch ein Begriff. Schließlich hatten dort nicht nur der spätere Porzellanerfinder Johann Friedrich Böttger, der Anarchist Michail Bakunin und der Schriftsteller Frank Wedekind (wegen Majestätsbeleidigung) eingesessen. Wie in Colditz auch waren hier im Zweiten Weltkrieg alliierte Offiziere gefangen gehalten worden. Deren bekanntestem, dem französischen General Henri Giraud, gelang vor 70 Jahren im April 1942 die Flucht.

Aus Bindfäden, die ein Mitgefangener aus der Poststelle geschmuggelt hatte, und von seiner Frau in Paketen heimlich mitgeschickten Kabeln habe er, so berichtete Giraud später, ein Seil gewunden. Im Schutz der Nacht ließ er sich – ein paar Schritte entfernt von jener Stelle, wo heute der Imbiss „Napoleonküche“ steht – herab und schlug sich, verfolgt von Gestapo, SS und Kriminalbehörden, bis zur Schweizer Grenze durch.

Ziemlich hoch und ziemlich steil, denkt man, wenn man heute oben auf dem Festungsplateau steht. Viel zu malerisch erscheint die Landschaft für diesen Platz des – wenn auch vergleichsweise privilegierten – Eingesperrtseins. Gemälde wie „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich kommen einem in den Sinn. Doch selbst das Parkhaus am Fuß der Festung war, wie eine Tafel erinnert, einst ein Ort des Schreckens. Dort hatte sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg mit fast 1000 Häftlingen, vor allem sowjetischen Kriegsgefangenen, befunden. Sie mussten – „Vernichtung durch Arbeit“ – Steinbrucharbeiten für eine unterirdische Treibstoffproduktion verrichten. Viele starben an Hunger und Entkräftung. Die Idylle, so viel ist sicher, feit nicht vor Verbrechen. Robert Schröpfer

Erschienen in der Freie Pressen Chemnitz, der Lausitzer Rundschau Hoyerswerda und den Dresdner Neuesten Nachrichten im Juli 2012.

Das Foto zeigt die Festung Königstein (Quelle: Staatliche Schlösser und Gärten Sachsen).

Die Festung Königstein