Der Historiker Roman Töppel über den 13. Februar 1945, rechte Aufmärsche und das schwierige Gedenken an die Zerstörung Dresdens
Jahrestage von Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg sind in vielen Städten ein Datum des Erinnerns, aber ebenso ein Aufmarschtermin der Rechten. Vor allem am 13. Februar in Dresden entzünden sich regelmäßig heftige Debatten. Der Münchner Historiker Roman Töppel hat an der TU Dresden promoviert und ist Verfasser des Dresden-Beitrags in dem Band „Sächsische Mythen“ (Edition Leipzig 2011).
In den vergangenen Jahren hat es immer wieder rechte Aufmärsche im Umfeld des 13. Februar gegeben. Was macht solche Gedenktage, was macht Dresden für Neonazis so attraktiv?
Roman Töppel: Wenn Neonazis an solchen Tagen demonstrieren, verfolgen sie damit ganz klar eine Aufrechnungsstrategie. Indem man das Leid der deutschen Zivilbevölkerung herausstellt, versucht man, die deutschen Verbrechen zu relativieren. Dresden kommt dabei noch einmal eine besondere Rolle zu. Tatsächlich handelt es sich um ein besonders traumatisches Kriegsereignis mit vielen Toten, mit viel Zerstörung und Leid. Gleichzeitig war die Bombardierung der Stadt aber von Beginn an mit einer starken Legendenbildung verknüpft. Diese Legenden – von der „unschuldigen Stadt“, der Einzigartigkeit der Zerstörung – haben Dresden zum Symbol des Bombenkriegs schlechthin gemacht, und sie leben zum Teil bis heute fort. Übrigens auch in Dresden selbst.
Forschungen haben gezeigt, dass noch die Nazis mit der Legendenbildung begannen. Wie funktionierte das?
Töppel: Indem man zum Beispiel überhöhte Opferzahlen lancierte und entsprechenden Gerüchten anders als bei Bombardierungen zuvor nicht mehr entgegentrat. Zum einen hatte man damit die Moral der Bevölkerung und der Soldaten an der Westfront im Blick. Ihnen sollte gezeigt werden, dass Amerikaner und Briten auch nicht besser seien als die Russen. Zum anderen wollte man von den eigenen Verbrechen ablenken, die gerade vor aller Welt zutage traten. Bereits die Nazis begannen also mit einer Aufrechnung, die auf die Geschichtsbücher zielte und die die Neonazis heute aufgreifen, etwa wenn sie das unerträgliche Schlagwort vom „Bomben-Holocaust“ benutzen.
Die NS-Propaganda sprach von 200.000 Toten in Dresden. Wie hoch ist die Zahl tatsächlich?
Töppel: Eine unabhängige Historikerkommission, die die Zahl in den vergangenen Jahren im Auftrag der Stadt Dresden erforscht hat, beziffert sie auf bis zu 25.000 Tote. Auch der Historiker Friedrich Reichert, den ich für den maßgeblichen Experten für die Opferzahlen halte, kommt zu diesem Ergebnis.
Warum benutzte auch die DDR drastische Schuldzuweisungen, die der NS-Propaganda oft ähnlich waren?
Töppel: Weil es in Zeiten des Kalten Krieges opportun erschien. Dabei griff die DDR zwar nicht auf die hohen Opferzahlen zurück, aber auf andere Übertreibungen, etwa in Zusammenhang mit dem Thema Tieffliegerangriffe. Hinzu kam, dass man Westdeutschland als Hort der Altnazis diffamierte, was bis hin zu dem absurden Schlagwort von einem angeblichen „Bündnis der Mörder“ führte.
Welche Folgen hatte die Ideologisierung für das Erinnern, für jene, die in der Bombennacht Leid erfahren und Angehörige verloren hatten?
Töppel: Für die Zeitzeugen war die Instrumentalisierung ein großes Problem, und sie ist es bis heute. Erst wurde das Thema vom Staat propagandistisch vereinnahmt, und sie konnten sich nur dazu äußern, wenn es opportun erschien. Und als sie dann endlich sprechen konnten, sahen sie sich sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden nur einen Mythos pflegen oder gar NS-Vokabular benutzen. Vielfach wurde ihren Erinnerungen der Wahrheitsgehalt abgesprochen. Auch die Geschichtswissenschaft hat hier leider oft wenig sensibel agiert.
Wie geht es nach der Absage der Neonazis weiter? Wie könnte ein angemessenes Erinnern aussehen?
Töppel: Ob die Absage nur taktischer Natur ist oder die Neonazis tatsächlich wegbleiben, kann ich nicht beurteilen. Aber wenn sie es tun, ist das natürlich ein Grund zur Freude. Auffällig aber ist, wie stark die Debatte um diesen Gedenktag polarisiert ist. Auch wenn viel über die Zerstörung geredet wird, besteht meines Erachtens noch immer ein Defizit an Aufklärung, an Vermittlung erwiesener Fakten, an Veranstaltungen, in denen Historiker ihre Erkenntnisse einer interessierten Bevölkerung auf eine unpolemische Weise darlegen. Interview: Robert Schröpfer
Erschienen in der Lausitzer Rundschau Cottbus, im Freien Wort Suhl, in der Leipziger Volkszeitung, in der Freien Presse Chemnitz, in den Dresdner Neuesten Nachrichten und der Märkischen Oderzeitung Frankfurt an der Oder im Februar 2012.