Die Ausstellung „Sächsische Trachten, HipHop und Nadelstreifen“ im Dresdner Jägerhof bringt Volkskunst und Jugendkultur zusammen.
Was hat der Sonntagsstaat einer sorbischen Frau aus dem 19. Jahrhundert mit einer mit Metall- und Holzpickeln besetzten Lederjacke eines Dresdner Punks zu tun? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem sogenannten Vorstecker, dem Brusttuch einer Altenburger Tracht, und den „Baggy Pants“, den tief über dem Hintern hängenden Hosen der HipHopper? Fragen wie diese stellen sich einem, wenn man derzeit das Museum für Sächsische Volkskunst im Dresdner Jägerhof besucht, das schon in der Vergangenheit mit überraschenden Kombinationen neue Sichtweisen auf seine Bestände eröffnete.
Unter dem Titel „Sächsische Trachten, HipHop und Nadelstreifen“ haben Museumschef Igor A. Jenzen und als künstlerischer Leiter der Ausstellung der Künstler Holger John diesmal denkbar gegensätzliche Bekleidungen zusammengebracht. Ausgangspunkt dafür, sagt Jenzen, sei die Überlegung gewesen, ob die Tracht eine Entsprechung in der Gegenwart habe. Träger beider Kleidungen – der traditionellen wie der der Jugendkultur – versichern sich schließlich damit ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe und ihrer Identität. Außerdem haben Trachtenträger wie Jugendszenen jeweils subtile Codes entwickelt, die Eingeweihten über die Kleidung weitere Informationen vermitteln, etwa zu Ehestand und Konfession wie bei sorbischen Trachten oder über die Zugehörigkeit zu diversen Unterströmungen, wie sie die Gothic-Szene kennt.
Kleider machen Leute – man könnte das als Binsenweisheit abtun. Denn welche andere Kleidung sagte derartiges nicht auch über ihre Träger aus? Doch die Strenge des Reglements, was geht und was nicht, scheint Trachten wie Jugendkulturen tatsächlich in besonderer Weise auszuzeichnen. Und im Detail, das ist das Schöne, legt einem die Ausstellung derlei Thesen auf eine angenehme Weise zurückhaltend nahe anstatt sie einem aufzudrängen. In der Vermittlung setzt sie auf das Faktenwissen wohldosierter Texttafeln und verlässt sich ansonsten vor allem auf die Wirkung ihrer sehenswerten Exponate.
Der erste Raum geht dabei zurück ins Jahr 1896. Damals fand in Dresden parallel zur Sächsischen Gewerbeschau nicht nur eine volkskundliche Ausstellung statt, auf die das Volkskunstmuseum selbst zurückgeht, sondern auch eine große Trachtenschau, die als letzter Aufzug originaler Stücke aus ganz Sachsen gilt. Wird die Tracht heute ziemlich weit, nämlich als regional gefärbte Kleidung definiert, hatte sie der Volkskundler und spätere Museumsgründer Oskar Seyffert damals eher streng gefasst. Er konnte lediglich drei sozusagen echte sächsische Trachten ausmachen, während er alle anderen im Land als bloße Nachahmungen abqualifizierte.
Dass Altenburger, Vogtländer und Sorben, die Seyffert damals nannte und die sich auch nur zum Teil in Sachsen befanden, aber tatsächlich über besonders prägnante Bekleidungen verfügten beziehungsweise noch verfügen, wird in dieser Ausstellung immer noch erfahrbar: Die Altenburgerinnen scheinen die Buckelhauben und bestickten Keulenärmel der sogenannten Spencer-Jacken der Vogtländerinnen an Pracht und Materialien noch zu überbieten. Und ein Schrank mit der Grundausstattung einer sorbischen Damengarderobe gibt Einblick in die Komplexität sorbischer Kleidung, die nicht nur unterschiedliche Kleider, Tücher und Bänder für bestimmte Feste vorsieht, sondern eben auch für verschiedene Lebenssituationen.
In einem zweiten Raum werden dann das schwarze Spitzenkleid einer Gothic-Anhängerin, die Jacke eines Punks, ein Heavy-Metaller- und ein HipHop-Outfit, aber auch Fahrradhelme und Basecaps präsentiert. Zu lernen ist dabei nicht nur, dass etwa die im HipHop typischen Übergrößen den abgelegten Kleidern der älteren Geschwistern geschuldet waren und erst später zum Stilmerkmal wurden. Wenn man den Schal aus schwarzen Kunststoff-Rosenblüten oder die Metall- und Holzapplikationen der Jacke eines Dresdner Punks erblickt, scheinen diese Bekleidungsformen den traditionellen an Aufwand und handwerklicher Hingabe kaum nachzustehen.
Dass es freilich auch andere Bereiche komplexer Kleidungskodizes als nur Tracht und Jugendkultur gibt, weiß auch diese Ausstellung. Der ebenfalls gezeigte Nadelstreifenanzug steckt schließlich schon im Titel. Und Ausstellungsmacher Holger John zielt mit einem „modernen Fürstenzug“, einer auf eine Wand übertragenen lebensgroßen Zeichnung von Menschen verschiedenster Bekleidungsstile, auf die spielerische Selbstbefragung des Besuchers. Man kann nämlich den eigenen Kopf in eines der ausgesparten Gesichter stecken und sich im Spiegel gegenüber dann selbst als Hippie oder geldkoffertragenden Banker betrachten. Robert Schröpfer
Erschienen in der Freien Presse Chemnitz am 21. Juni 2012.
DIE AUSTELLUNG Bis 4. November im Museum für Sächsische Volkskunst, Jägerhof Dresden, Köpckestraße 1, geöffnet täglich außer montags 10 bis 18 Uhr.