Das Dresdner Verkehrsmuseum hat seine Abteilung zur Luftfahrt umgestaltet und erweitert. Sie zeigt, dass Abenteuer- und Unternehmergeist zusammengehören.

Was hat der Traum vom Fliegen, was haben tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten mit Billigfliegern zu tun? Gibt es einen Unterschied zwischen der Poesie und dem Abenteuer erster Flugversuche und der heutigen Massenabfertigung von Passagieren? Oder muss man umgekehrt von einer Demokratisierung eines früheren Hobbys reicher Leute sprechen, die sich die Fliegerei nur als spleenigen Zeitvertreib geleistet haben? Solche Gedanken können einem kommen, wenn man sich in diesen Tagen ins Dresdner Verkehrsmuseum begibt, das zu seinem 60-jährigen Bestehen seine Luftfahrtabteilung nach Umgestaltung und Erweiterung neu eröffnet hat.
Neben der Automobil- und der Schifffahrtsausstellung, neben der Eisen- und der Straßenbahnschau lädt das stadteigene Museum nun in drei Räumen auf der Beletage des Dresdner Johanneums zu einer „Luft-Reise“ ein. Und betrachtet man die vielen Original-Motoren und Luftschrauben, den Ballonkorb, das Zeppelin-Modell, die Segelapparat- und Eindecker-Nachbauten, liest die vielen Texttafeln, sieht die Fotos seltsam behelmter Männer, die Dokumentaraufnahmen und verheißungsvollen Originalplakate, dann wird schnell klar, dass es sich für die Ausstellungsmacher keineswegs um Gegensätze handelt. Wenn diese Schau eine These vertritt, dann die, dass die Luftfahrtpioniere und Pionierinnen (!) ihr Vermögen, ihren Ruf und ihr Leben riskierten, nicht nur um die Luftfahrt höher, schneller, weiter zu machen, sondern auch, wie es auf einer Texttafel heißt, sicherer und bequemer.
Und billiger ließe sich anfügen, scheinen doch Abenteuer- und Unternehmergeist, wie sie einem in der Ausstellung entgegentreten, kaum voneinander zu trennen. Gleich zu Beginn wird der Besucher von einem Wachsfigurenensemble prominenter Luftfahrtpioniere in Empfang genommen, die Entdeckung mit Geschäft verbanden: Wilhelmine Reichard, die 1811 als erste Frau allein eine Ballonfahrt absolvierte und ihren Lebensunterhalt als Unternehmerin mit öffentlichen Vorführungen finanzierte, Otto Lilienthal, der neben seinem Normalsegelapparat alle möglichen Maschinen herstellte, Hans Grade, dessen motorisierte „Grade-Eindecker“ in der eigenen Fabrik in Serie gingen, Hugo Junkers, dessen Metallflugzeuge aus den bekannten Werken kamen. Ausnahmen scheinen nur Ferdinand Graf Zeppelin (von Haus aus ein Militär) und der Lufthansa-Pilot Uwe Strohdeicher zu bilden. Doch wie Zeppelin auch steht Strohdeicher, der eine Boeing 747 steuert, hier ja sogar ausdrücklich für die Passagierflug-Branche.
Von hier aus geht es in der Ausstellung über eine Art Gangway hinauf in die Galerie, auf der ein Zeitstrahl vom ersten Ballonflug Jean-Francois Pilatre de Roziers und des Marquis d’Arlandes im Jahre 1783 bis hin zum Riesen-Airbus 380 durch die Geschichte der Luftfahrt führt. Und auch dort scheint der Leitgedanke, dass frühe Filmvorführungen an Bord (ab 1925), männliche Flugbegleiter (1911), Stewardessen (1930), der erste Klapptisch an der Rückenlehne (1953) und fertige Speisetabletts (ohne Datum) genauso zur Geschichte zumindest der zivilen Luftfahrt gehören wie Bruchlandungen oder Ballon-Dauerfahrten, etwa eines vogtländischen Kugelballons namens „Plauen“, dessen Zwei-Mann-Besatzung im Oktober 1908 beinahe in der tosenden Nordsee ihr Grab gefunden hätte. 45 Stunden waren die Insassen unterwegs, davon 12 über Land, 31 über Wasser und vier im Meer.
Unter der Galerie werden dann kulturgeschichtliche Aspekte des Fliegens aufgefächert – von Ikarus-Darstellungen bis hin zu Mokkatassen eines Zeppelin-Porzellanservices. In einem Experimentierraum lassen sich physikalische Gesetzmäßigkeiten nachvollziehen. Und allenfalls Kopien von Otto Lilienthals wunderschönen Zeichenstudien eines fliegenden Storches oder ein Foto der ersten Nonstop-Erdumrundung mit einem High-Tech-Ballon im Jahr 1999 lassen erahnen, dass der Abstand zwischen Entdeckergeist und profanen Urlaubsflügen vielleicht doch etwas größer sein könnte als nur der zeitliche von 100 oder 150 Jahren.
Auch zum Thema Luftfahrt und Krieg würde man sich mehr Auskünfte wünschen. Hier werden ein Emailleschild mit der Aufschrift „Luftschutzraum“, das demolierte Querruder-Fragment eines Bombers, Bilder des zerstörten Dresden präsentiert. Und zu Flugzeugunglücken und Flugsicherheit, Fluglärm und Umweltzerstörung sagt die Ausstellung kaum etwas. Dass diese Abteilung insgesamt aber auf jeden Fall in ein Museum in dieser Stadt gehört, beweist ihr Schluss. Er ist der Dresdner Luftfahrtindustrie gewidmet, die in den späten 1950er-Jahren 26.000 Menschen beschäftigte, sowjetische Illjuschin IL 14-P nachbaute und vor allem an der Entwicklung eines eigenen Flugzeugs, der legendären „152“ forschte. Der VEB Industriewerke Karl-Marx-Stadt wirkte daran mit. Wegen zu hoher Kosten und technischer Mängel beschloss die SED aber 1960 das Ende dieses ostdeutschen Traums vom Fliegen. Robert Schröpfer
2012 erschienen in der Freien Presse Chemnitz, der Lausitzer Rundschau Hoyerswerda und der Schweriner Volkszeitung.
DIE AUSSTELLUNG Das Verkehrsmuseum Dresden, Augustusstraße 1, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Foto oben: Verkehrsmuseum Dresden/Mit freundlicher Genehmigung