Die Fotografin Herlinde Koelbl fragt im Dresdner Hygiene-Museum nach Rollenbildern und Identität.

Als die Münchner Fotografin Herlinde Koelbl vor vielen Jahren im Jugoslawien-Urlaub ein Restaurant besuchte, war sie eingenommen von dessen Besitzerin. Mit der üblichen Tracht, einem langen schwarzen Rock, schwarzer Bluse und schwarzem Kopftuch bekleidet, habe sie die Würde einer echten Dame ausgestrahlt. Dann verschwand die Frau, offenbar um sich für die Freizeit umzukleiden. Als sie wiederkam, war das Erstaunen groß: Nicht nur, dass sie eine Art Kittelschürze angelegt hatte. Auch alle Ausstrahlung war wie verflogen. Mit der Kleidung schien auch die Person wie ausgetauscht.
Dieser Eindruck, sagt Koelbl, habe sie nicht mehr losgelassen. Wie verändert Kleidung einen Menschen und die Art, ihn wahrzunehmen?, habe sie sich in ihrem, im Titel auf Gottfried Kellers gleichnamige Novelle anspielenden Langzeitprojekt „Kleider machen Leute“ gefragt. Vor vier Jahren begann sie damit, Militärs, Anwälte, Hotelpersonal, eine Geisha, Menschen unterschiedlichster Berufe und Kulturen, die Uniformen oder ähnliche Berufsbekleidung tragen, vor die Kamera zu bitten: einmal beruflich, einmal privat, in den Kleidern, die sie in den eigenen vier Wänden bevorzugen.
Es geht um Identität und Rollenbilder, Schein und Sein. Wann ist eine Person „echt“, wann nur „hineingeborgt“? War die Restaurantbesitzerin als charismatische Dame oder in Kittelschürze mehr sie selbst?
Im Hygiene-Museum Dresden ist nun eine imposante Serie von 70 Doppelporträts zu sehen, die beredt, auf eine schöne Weise aber niemals eindeutig Antwort geben. Ob die Schornsteinfegerin, die beruflich vor Selbstbewusstsein zu strotzen scheint und privat verschüchtert die Hände faltet, ob die Verfassungsrichterin, die sich von der Amtsperson in Robe zum jungen Mädchen verwandelt, ob der Polizist, der ohne Kampfmontur den lockeren Typen zu erkennen gibt: Zweifellos verleihen ihnen Uniformen den nötigen Respekt zur Ausübung des jeweiligen Berufs. Und fast immer verändert sich auch die Körpersprache mit. Doch in welcher Rolle – der privaten oder der öffentlichen – die sozusagen eigentliche Person sich zeigt, wird der Besucher schwer zu sagen wissen. Vielleicht liegt sie ja in beidem, im Dazwischen.
Keine einzige Geste, berichtet Koelbl, habe sie vorgeschrieben. Jeweils im Studio vor neutralem Hintergrund war ihr daran gelegen, dass jeder Porträtierte seine Haltung finde, gleichsam ein Selbstporträt abgebe. Entdeckungen sind dabei häufig im Subtilen, manchmal auch im Witz zu machen. Der damalige Generalinspekteur der Luftwaffe, Klaus-Peter Stieglitz, der auch im Begleittext von Elitebewusstsein spricht, verzichtet auf Socken in seinen Slippern. Ein General, so Koelbls Deutung, habe eben seinen eigenen Stil. Und der Berliner Prominentenanwalt Peter Raue – „entweder Fliege oder gar nichts“ – ließ sich folgerichtig nackt, wenn auch von der Seite ablichten.
In der Dresdner Ausstellung sprechen mal Großformate für sich, mal sind kleinere Bilder etwa nach beruflichen Zusammenhängen gruppiert. Manchmal werden in der Gegenüberstellung zweier Doppelporträts Kontraste besonders augenfällig. Wenn einem mongolischen Militär die ordenbehangene Brust anschwillt und er privat wie befreit anmutet, der deutsche Generalinspektor aber kaum Veränderungen zwischen dem Feldgrau der Uniform und seiner privaten Zurückgenommenheit zeigt, dann legt das nicht nur Unterschiede zwischen beiden Individuen nahe, sondern auch im jeweiligen Stellenwert des Militärs in beiden Ländern.
Doch bei aller Genauigkeit, bei aller Soziologie: Die wichtigste Erfahrung, die man in dieser Ausstellung machen kann, ist eine sehr persönliche. Wie man in den Begleittexten von gesteigerten Erwartungshaltungen an erkennbare Funktionsträger liest, kann man sich im Betrachten auch selbst dabei ertappen, wie schablonenartig die eigene Wahrnehmung manchmal funktioniert. Außerdem wird man in dieser Ausstellung beginnen, über eigene Rollen nachzudenken. Das mit hervorzurufen, ist Teil der Kunst Herlinde Koelbls. Robert Schröpfer
Erschienen in der Freien Presse Chemnitz am 5. Mai 2012.
DIE AUSSTELLUNG Bis 29. Juli im Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1. Dienstags bis sonntags 10–18 Uhr. Eintritt 7, ermäßigt 3 Euro, Katalog 29,90 Euro.
Oben im Bild: First Lieutenant Batnesan Bal, Officer für Logistic and Supply in einer mongolischen Antiterroreinheit (Foto: Herlinde Koelbl/courtesy Deutsches Hygiene-Museum Dresden)