Schubladendenken, Klischees und Vorurteile sind weit verbreitet – und keiner ist von ihnen frei. Wenn wir uns von ihnen leiten lassen, schaden wir damit aber nicht nur anderen, sondern auch uns selbst.
Ob „Frauen können nicht einparken“ oder „Blondinen sind dumm“, ob „Schwarze sind musikalisch“, „Asiaten fleißig“, „Beamte faul“, „Schwule kreativ“ oder „Lehrer immer krank, jedenfalls wenn nicht gerade Ferien sind“: An Stereotypen und Vorurteilen besteht in unserer Welt kein Mangel. Da sind Stereotype über Filme, Bücher und andere Produkte („Chinesische Waren taugen nicht viel“), da sind solche über bestimmte Orte oder Stadtviertel („Wie kann man nur da wohnen?!“) und über bestimmte Rollen und Berufe oder Anhänger eines bestimmten Lebensstils („Popper/Punker/Banker finde ich blöd“).
Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie sich bei genauem Hinschauen kaum als zutreffend erweisen. Und dass sie spätestens, wenn sie sich auf Kategorien wie Geschlecht, Alter, Hautfarbe, ethnische Herkunft oder sexuelle Orientierung beziehen, nichts anderes als eben sexistische, rassistische oder homophobe Stereotype und Vorurteile darstellen. Wer solche Klischees pflegt, überschreitet schnell den schmalen Grat zwischen Denkfaulheit und Diskriminierung. Ganz zu schweigen von den verheerenden Folgen, die Rassismus und Antisemitismus in der Geschichte nach sich zogen und bis in die Gegenwart noch viel zu häufig nach sich ziehen.
Und dennoch: Haben Sie nicht auch schon mal beim Autofahren einen größeren Abstand als nötig gehalten, weil der Autofahrer vor Ihnen schon jenseits der Achtzig zu liegen schien? Und wissen Sie nicht auch, was man von einem Roman von Paulo Coelho zu halten hat, ohne dass Sie jemals einen in der Hand gehalten hätten? Selbst wenn es einen erheblichen Unterschied ausmacht, ob jemand ein Rassist ist oder nur sozusagen seine kleinen Klischees zu pflegen scheint, ganz frei von dieser Art zu denken sind nur die allerwenigsten. Doch was macht Vorurteile offenbar so attraktiv? Warum ist es so schwer, sich von einmal antrainierten Klischees zu lösen?
Die Psychologie hat mit der Vorurteilsforschung einen ganzen Zweig hervorgebracht, der sich mit solchen Fragestellungen beschäftigt. Grundlegend wird dabei, wie der Sozialpsychologe Jens Förster in seinem Buch „Kleine Einführung ins Schubladendenken – Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils“ schreibt, zunächst einmal zwischen Stereotypen und Vorurteilen unterschieden. Während Stereotype das allgemein verbreitete, oft falsche Wissen über bestimmte Gruppen bezeichnen, spricht man wissenschaftlich dann von Vorurteil, wenn jemand diese Stereotype auch tatsächlich glaubt und auf vermeintliche Vertreter der jeweiligen Gruppe projiziert. Vorurteile, so Förster, sind „durch Erwartungen gefärbte Urteile, die zunächst mit der Person an sich nichts zu tun haben, sondern mit ihrer Gruppenzugehörigkeit“. Mit anderen Worten: Wer Vorurteile hegt, denkt im Zweifel nach dem Motto: Kennst du keinen, kennst du alle.
Solche Stereotype und Vorurteile kommen in allen Kulturen vor, unterscheiden sich aber dort jeweils. Alte Menschen etwa gelten in Europa und Amerika vielfach als inaktiv, vergesslich und gebrechlich, in China hingegen als besonders weise und aktiv. Vorurteile sind also keineswegs naturgegeben, sondern menschgemacht und können sich verändern.
Dass es sie überhaupt gibt, hängt aber mit den Strukturen unseres Wahrnehmens und Denkens zusammen. Zum einen sind wir geneigt, uns selbst als Angehörige von Gruppen aufzufassen, mit deren Mitgliedern wir Merkmale in früh erlernten Kategorien wie Alter, Geschlecht, Hautfarbe, sozialem Status oder Geschmack teilen. Begegnen wir unbekannten Personen, sortieren wir sie gern nach diesen Schablonen in die eigene oder eben fremde Gruppe ein, wobei wir die Mitglieder der eigenen Gruppe dann differenzierter als die der jeweils fremden wahrnehmen. In unserer eigenen Gruppe haben wir das Gefühl, wir selbst und jene, die wir dazuzuzählen bereit sind, seien gleich und doch jeweils individuell, während wir Mitglieder anderer Gruppen eher stereotyp beurteilen.
Zum anderen ist unser Gedächtnis, wie Förster schreibt, „so aufgebaut, dass Gedanken, die ständig zusammengedacht werden (zum Beispiel Bauer = dumm), sich auch gegenseitig aktivieren, ohne unseren Willen“. Das heißt: Stereotype müssen uns nur lange genug vergegenwärtigt werden beziehungsweise wir sie uns vergegenwärtigen, dann werden sie sich irgendwann bei einem entsprechenden Reiz gedanklich gleichsam wie von selber einstellen. Ob und inwieweit wir solchen Assoziationen folgen, hängt dann freilich davon ab, ob dem soziale Normen und Sanktionen oder noch besser unsere Vernunft entgegenstehen, oder auch, ob wir uns in Zeitnot oder anderen Stresssituationen befinden, die ein diskriminierendes Verhalten begünstigen.
In vielen Fällen wirken Schubladen durchaus nützlich: Vorurteile bestärken uns in unserer Identität. Wir vergewissern uns unserer selbst damit, dass wir etwa jemand sind, der Romane von Paulo Coelho als zu wenig komplex ablehnt, niemals einen Opel fahren würde und Psychologie für Humbug hält. Und umgekehrt rümpfen wir die Nase über jene, die das Gegenteil tun – natürlich um den Preis, dass uns ein womöglich großer Wurf des brasilianischen Schriftstellers oder der günstige Gebrauchtwagen mit dem Blitz am Kühlergrill entgeht.
Und Stereotype halten Muster verfügbar, die uns in Situationen – oft unbewusst – schnelle Entscheidungshilfen bieten. Wenn uns jemand auf der Straße Kaufverträge für was auch immer anbieten will, wissen wir automatisch, dass wir in einer solchen Situation Vorsicht walten lassen sollten, und wehren häufig ab. Genauso aber engen Stereotype unser Denken und Handeln ein, wenn wir stur erlernten Schemata folgen und etwa – wie das nicht selten zu beobachten ist – auf jeden Fremden, der uns auf der Straße anspricht, und sei es wegen des Weges oder nur der Uhrzeit, abweisend reagieren.
Vorurteile müssen demnach nicht immer gleich gegen Prinzipien der Gerechtigkeit und der Mitmenschlichkeit verstoßen (was sie oft tun), und wir müssen Menschen nicht immer gleich rassistisch oder sexistisch diskriminieren (was viel zu häufig geschieht). Es reicht schon aus, dass eine x-beliebige Alltagssituation komplexer ausfällt, als wir erwartet haben, damit Vorurteile auch für jene, die sie hegen, Möglichkeiten verbauen.
Was zum Beispiel hat ein Personalchef davon, wenn er den wenig geeigneten Bewerber – jung, männlich, weiß – engagiert anstatt die besser qualifizierte ältere Bewerberin mit Migrationshintergrund? Was haben wir als ach so stilbewusste Leser davon, wenn uns ein guter Roman entgeht? Indem sie unser Denken starr und unflexibel machen, schränken uns Stereotype und Vorurteile ein. Vielleicht, so scheint es, sollten wir doch mal zu einem Buch von Paulo Coelho greifen. Und uns vor allem in unserem Alltag öfter selbst befragen. Robert Schröpfer
BUCHHINWEIS Jens Förster: „Kleine Einführung in das Schubladendenken“. DVA München 2007, 288 Seiten, 16,95 Euro.
Gedruckt erschienen im Sommer 2012 in der Freien Presse Chemnitz, im Freien Wort Suhl und in der Neuen Presse Coburg.
Einfach vergessen, mehr Kontakte oder umtrainieren? Das eigene Denken zu verändern ist schwierig, aber nicht unmöglich: Wie man seine Vorurteile überwindet.
Wer eigene Stereotype, Vorurteile und diskriminierendes Verhalten abbauen will, so stellt der Psychologe Jens Förster in seinem Buch „Kleine Einführung ins Schubladendenken“ fest, muss dies zuallererst einmal erkennen. Und damit gehen die Schwierigkeiten schon los. Denn sich solche Schwächen einzugestehen, ist gar nicht einfach. Wer hielte sich selbst gern nicht für einen aufgeklärten Menschen? Und ein Muster diskriminierenden Denkens ist es nicht zuletzt sehr oft, Benachteiligungen kleinzureden oder ganz zu leugnen, etwa: „Frauen wurden vielleicht früher einmal diskriminiert, heute aber haben sie dieselben Chancen wie Männer.“
Gedankenverbote bringen einen aber auch nicht weiter. Sie führen laut Förster oft nur zu einem Boomerang-Effekt: Was wir unterdrücken, wird gerade reizvoll und kehrt früher oder später mit aller Macht zurück. Wenn wir uns fest vornehmen, an etwas nicht zu denken, will es uns partout nicht aus dem Sinn. Stattdessen, so Förster, sollte man seine Assoziationen umtrainieren, wobei „trainieren“ hier durchaus im Wortsinn zu verstehen ist. Nachdem die Teilnehmer eines Umlern-Tests negative Stereotype in Bezug auf Afroamerikaner immer wieder zu verneinen, positive Eigenschaften hingegen zu bejahen hatten, so berichtet Förster in seinem Buch, brachte das messbare Erfolge: Sie zeigten im Anschluss weniger stereotype Assoziationen als die Testteilnehmer, die umgekehrt die Stereotype zu bejahen hatten.
Auf die Lebenswelt übertragen bedeutet das laut Förster: Freundschaftliche Kontakte, auch positiv auffallende Angehörige diskriminierter Gruppen im öffentlichen Leben – und sei es eine Figur in einer Fernsehserie – können helfen, negative Assoziationen abzubauen. „Hatten Versuchspersonen mehrere Folgen der US-Serie ,Six Feet Under‘ gesehen, in denen homosexuelle Protagonisten auftraten“, so berichtet Förster, „dann reduzierten sich bei ihnen die Vorurteile gegenüber Schwulen dauerhaft.“
Auch Gruppenidentitäten stellen einen wichtigen Faktor beim Abbau negativer Assoziationen dar. Förster plädiert hier neben mehr Toleranz vor allem für ein anderes Gruppen-Selbstverständnis. Ob wir andere Gruppen mögen lernen, sei eine wichtige Frage, eine ebenso wichtige, ob wir Gruppen starr und undurchlässig oder eben offen und flexibel gestalten. Soll zum Beispiel „deutsch“ nur sein, wer einen deutschen Opa nachweist, oder nicht besser jeder, der sich in diesem Land eine Zukunft aufzubauen versucht? Robert Schröpfer
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